Green Porno

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No2, Februar-April 2013

Überall sind sie, diese kleinen Viecher. Krabbeln, sirren, kriechen ihres Weges, kreuzen den unsrigen. Manchmal auch da, wo wir sie nicht haben wollen. Ameisenstraße in der Küche. Fliege im Schlafzimmer. Mücke beim Picknick. Zertretene Schnecke am Fuß. Insekten sind überall.

Und trotzdem: Irgendwie bleiben sie doch meist eher unsichtbar. In ihrer eigenen kleinen Welt. Nein, nicht klein. Eine andere Welt. Und das direkt vor unserer Nase. Was da wohl den ganzen Tag so getrieben wird? Sex. Klar. Fortpflanzung und so. Kann man sich schon vorstellen. Andererseits – kann man das? Bienensex? Ein Regenwurmpenis? Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Isabella Rossellini hat es getan: Sie hat sich dieser grünen Parallelwelt angenommen, genauer gesagt, dem Sexualleben ihrer erstaunlichen Bewohner. Entstanden ist daraus eine eigene Kurzfilmreihe, die Green Pornos. In diesen bizarr-komischen Kleinoden schlüpft Rossellini selbst in die Rolle des jeweiligen Tieres, in schultheaterlich anmutender Papp- und Stoffverkleidung stöhnt sie den Orgasmus der sadomasochistischen Schnecke und erklärt uns die Faszination der spezienspezfischen Penisse: »A cosy fit, like a hand in a glove«.

Ein Perspektivwechsel, der unsere normierten Vorstellungen von Sexualität gründlich relativiert: Verstörend, dass die Idee eines Hermaphroditen keine Erfindung der alten Sagen ist, nein,
sie bestimmt den Alltag des gemeinen Regenwurms. Oder die Bettwanze: Das weibliche Tier kommt
ohne jegliche Genitalien aus, der männliche Bettwanz dringt mit seinem messerscharfen Penis einfach wahllos in den Körper seiner Braut ein; ihr Blut verteilt den Samen. Etwas zügellos die Stubenfliege: Sie ergreift mehrmals täglich jede Gelegenheit, ihre weiblichen Artgenossen zu begatten. Noch am bekanntesten wohl die Gottesanbeterin: Sie verspeist den Kopf des werten Bräutigams noch während des Aktes, er bezahlt seinen Höhepunkt mit dem Leben. Nur – bei Rossellini ist er kein Opfer, nein, er trägt sein Schicksal mit Stolz: »My sexual drive is the strongest!« Vielleicht ist da ja etwas dran?

63. Internationale Filmfestspiele Berlin
7. – 17. Februar 2013
www.berlinale.de