Eintauchen

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No1, Oktober-Dezember 2012

Am Anfang stehen die Bläser. Entschlossen hallen sie und verlangen Aufmerksamkeit. Erzwingen sie, drängen alles andere an die Wand und lassen den Raum um sich erklingen. Schaffen Platz für das, was nun folgen soll. Sie stellen von Vornherein klar, woran es danach nicht für einen Ton lang Zweifel geben kann: Es geht ums große Ganze. Luftholen.

Rumms. Entweder diese Musik packt einen schon beim ersten Schlag oder gar nicht. Sie fährt ins Mark und verbreitet dort ihren bedrohlichen Rhythmus. Man hört, wie die Schlägel dumpf auf das Fell der Trommel treffen, wie sie es zum Vibrieren bringen, wie sie damit Töne erzeugen, die man spüren kann. Die man spüren soll. Die Orgel setzt ein, eine weiche Stimme hebt an. Naht hier Rettung? Wohl kaum:

I’m Waiting For The Call
The Hand On The Chest
I’m Ready For The Fight And Fate

Iron ist ein Aufruf zur Schlacht.

Bekanntheit hat dieses Stück Musik der französischen Band Woodkid vor allem durch das dazugehörige Video erlangt, das 2011 seinen Siegeszug durch die viralen Kanäle der sozialen Netzwerke antrat und innerhalb kürzester Zeit zum Überraschungserfolg wurde. Ein Video, das Bilder stilisierter Perfektion in einer düsterlich schweren Kriegssymbolik aneinanderreiht. Wehende Flaggen. Ein sich aufbäumendes Pferd. Fackeln. Makellose Krieger, die ihre mittelalterlichen Waffen kreisen lassen. Und diese malerisch niederprasselnden Erdklumpen; alles in schier endloser Zeitlupe. Ja, hier zieht man in die Schlacht. Und es ist schön. Geht das?

Auch mein Klick steckt wohl mehr als einmal irgendwo in der Zahl, die uns sagt, wie oft ein Video bei youtube unsere heiß umkämpfte Aufmerksamkeit gewinnen konnte. Diesem hier ist dieses Kunststück weltweit mittlerweile bald 16 Millionen mal gelungen. Es scheint einen Nerv zu treffen. Doch welchen?

I Want To Feel The Pain And The Bitter Taste
Of The Blood On My Lips Again

Ich will nicht glauben, dass es irgendeine unterdrückte Sehn- sucht nach Gewalt und Exzess ist, die hier zum Ausdruck kommt. Ich will nicht in den Krieg ziehen und eigentlich auch kein Blut auf meinen Lippen schmecken. Nein, da ist etwas anderes. Es hat etwas mit dieser perfekten Inszenierung zu tun, die ihre Künstlichkeit so offen zur Schau stellt, dass man sich mitreißen lassen darf, hinein in diese Bilder, hinein in dieses Pathos. Weil die Distanz groß genug ist. Hier will nichts mehr authentisch sein. Es ist vielmehr eine abgeschlossene Welt, in die man eintauchen kann und die trotzdem irgendeinen Punkt in uns berührt.

Vielleicht ist es letztlich dies, was die Faszination dieses kleinen Kunstwerks ausmacht. Dass wir uns davontragen lassen, ehe es recht gemerkt zu haben und entfliehen in eine andere Welt, die irgendwie größer, bedeutender und ja, einfacher ist als unser Alltag. Und wieder auftauchen mit einem leisen Gefühl des Zwiespalts. Und irgendwo noch den Hall dieses Horns vernehmen.

Woodkid