Teilchen

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No1, Oktober-Dezember 2012

Sie ist eines von ihnen. Und dennoch weiß sie um ihre Einzigartigkeit. Um ihre Erhabenheit. Sie weiß, dass sie nicht viel mehr braucht als sich selbst. Jeglicher Pomp ist ihr fremd – sie hat schon lange ihr inneres Gleichgewicht gefunden. Selbstbewusst türmt sie sich auf ihrem bescheidenen Bett aus fluffiger Hefe auf, duftet buttrig über ihren etwas angestaubten Namen hinweg. Glänzt, aber nur ein wenig. Und verspricht mit jeder Pore ihres Seins eine Knusprigkeit, die niemals ins banal Krümelnde abrutscht, eine fein-feuchte Schwere, die jeglicher klebrigen Zuckrigkeit entbehrt. Sie ist: Eine der besten Streuselschnecken der Stadt. Thronend auf papierner Tortenspitze ziert sie die Ladentheke der Bäckerei von Waltraut Balzer. Erwartet den suchenden Blick des sündigen Käufers durch das mild schimmernde Vitrinenglas. Im fliegenden Wechsel mit Liebesknochen, Mürbeecke und Napoleonschnitte verschwindet sie in den schlichten Tüten, wandert zum Klackern der orangefarbenen Kasse über den Tresen in Granitdekor und reißt spätestens am Nachmittag bedrohliche Löcher in die Auslagen.

In alle Himmelsrichtungen verlässt sie ihre Stube im Herzen des alten Scheunenviertels Berlins. Viel hat sie hier gesehen in den letzten Jahrzehnten. Durch die Straßen ist große Aufgeregtheit gezogen und so manches ist darüber geschrieben worden. Über den Wandel, der mittlerweile geradezu symbolisch für die Veränderung dieser Stadt steht. Hier hat er wohl kaum eine Fassade unberührt gelassen. Die Häuser tragen keine Kriegsnarben mehr zur Schau, auch den grob-braunen Putz haben sie abbröckeln lassen. Heute strahlen sie frisch und glatt. Das Pflaster holpert nicht mehr sozialistisch, sondern historisch. Und statt Kohle stapelt sich nun Kunst in den Hinterhöfen. Die Stube der Streuselschnecke ist übriggeblieben, der alte Familienbetrieb in der Sophienstraße. Unverändert wie sie selbst, das Ladenlokal und die daran anschließende Backstube. Besucht wird sie nach wie vor, davongetragen in die umliegenden Büros und Galerien. Findet ihren Weg an die Kaffeetafeln. Bis zur nächsten Parkbank. Man munkelt, sie gilt unter Eingeweihten als Trophäe. Eine vergängliche, zugegebenermaßen.

Ist es ihre eigene tagtägliche Vergänglichkeit, die sie so immun macht gegen den Lauf der Zeit? Unbeeindruckt sieht sie ihrem Ende entgegen. Am nächsten Tag wird sie wieder da sein. Genau 20 mal.

Fast hat es etwas Wundersames, wie diese Teilchen, die jeden Tag aufs Neue das Licht dieser Welt erblicken, so unberührt geblieben sind von all dem Wandel. Und wie sie ein wenig der Geist vergangener Zeiten umweht. Am Morgen klettern sie aus den bald hundert Jahre alten Rezeptbüchern der Familie Balzer, um ihre Zeitreise in die Gegenwart anzutreten. Um in unsere Welt auszuschwärmen. Jeden Morgen, um halb sechs.

Bäckerei und Konditorei Waltraud Balzer
Sophienstraße 30
10178 Berlin