Kronjuwelen

Manuel Wischnewski

erschienen in Shortlist No2, Februar-April 2013

Die britischen Kronjuwelen sitzen im Tower. Die Französischen im Louvre. Und die Preußischen? Im Charlottenburger Schloss natürlich.

Während man sich in Paris und London kaum retten kann vor protzigen Steinen, mutet der preußische Kronschatz seltsam dürftig an. Und gerade die Kronen des allerersten Preußen- königs Friedrich I. und seiner Gattin. Über- Symbole des preußischen Urknalls. Und Jahr- hunderte später klaffen über 200 Löcher dort, wo früher Diamanten, Brillanten und Perlen saßen. Auch wieder so ein Berliner Dazwischen. Ruin und Glanz ganz einvernehmlich beieinander.

Von den Kronen sind nur die löchrigen Goldge- stelle geblieben. Schuld ist nicht, wie so oft, der Krieg, sondern die Erben. Sparsam waren sie nämlich, die Preußen und so sind die Kronen nach und nach geplündert worden. Juwelen-Recycling. Schon Friedrichs Sohn ging irgendwann allein in den großen Staatstresor und nahm mit, was er kriegen konnte. Warum und für wen bleibt unklar. »Denn zugegen ist Keiner gewesen.«, wie lapidar im Nachlaßinventar bemerkt wird.

Nun müssen die Kronen allerdings auch ohne Besatz noch recht schwer gewesen sein. So sehr, dass 150 Jahre später der neue preußische König sie »wegen zu großer Schwere nicht angewendet wissen wolle«, wie der Königliche Hausminister in einem Brief etwas ratlos-genervt notiert.

Noch etwas fällt auf. Die Kronen sind rund. Der menschliche Kopf aber ist oval. Sie waren nie wirklich dafür gedacht, getragen zu werden, nie wirklich dazu gedacht, benutzt zu werden in jenem trivialen Sinne. Sie waren immer mehr Symbol als ein realer Gegenstand.

Recht kurios also das, was da in der Charlotten- burger Schatzkammer liegt und ohne viel öffentli- ches Tamtam seiner Tage fristet. Kaum vorstell- bar da, dass die Kronen eigentlich mal so viel mehr waren als nur Ausstellungsstück oder materielle Kostbarkeit. Das muss man sich schon mal kurz vor Augen führen: Da setzt sich vor gut 300 Jahren ein unscheinbarer Mann dieses runde Stück Glanz auf den Kopf und alles ist anders. Das putzig- bäuerliche Preußen ist plötzlich Königreich.
Und das nicht per Vertrag, Abkommen oder Wahl. Sondern letztlich nur, weil diese Krone plötzlich auf einem Kopf sitzt. In den Kronskeletten der ersten Preußenkönige schwingt noch etwas von dem Geheimnis ihrer Zeit mit, die uns heute kurios fremd erscheint. Jener Epoche zwischen Wunderglauben und Aufklärung. Einer Zeit der Symbolik. Hinübergerettet in unsere Tage.

Draußen erhitzt sich der Bundestags-Wahlkampf der Berliner Republik und drinnen ist irgendwie alles gelassen ruhig.

Kronschatz und Silberkammer der Hohenzollern
Spandauer Damm 20 – 24
14059 Berlin-Charlottenburg
Öffnungszeiten:
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