Berta

Christoph Henkel

erschienen in Shortlist No2, Februar-April 2013

Den Song schon gehört? Das neue Musikvideo gesehen? Das Konzert besucht? Musik ist überall: Ob in den hunderten Spotify-Playlists, auf Vimeo oder tape.tv, im Radio oder auf der Bühne. Ich denke an einen Song und ich kann ihn sofort streamen oder herunterladen. Das ist alles ganz wunderbar. Aber auch sehr traurig. Wie viel gibt uns der einzelne Song noch? Während ich dieses Lied ein zweites Mal höre, könnte ich schon wieder ein neues kennenlernen. Ich muss doch up to date bleiben. Könnte ich nicht zwei Radio- sender gleichzeitig hören – ich hab doch zwei Ohren! Die ständige Verfügbarkeit entwertet die Musik, degradiert sie zu einem Hintergrundrauschen.

Jetzt kommt Berta ins Spiel. Berta ist eine schlichte, weiße Box. Ein »Musikkompass« wie die Erbauer Jonas Breme und Stephanie Neumann sie nennen. Berta entschleunigt unser Musik-Empfinden. Berta führt uns zu Orten und nur dort gibt sie ihre Musik preis.

Berta gibt mir die Richtung vor. Aha, Richtung Spreeufer, Friedrichshain. Vor einem Holzzaun legt Berta los: Beats kommen aus den eingebauten Boxen. Bummtschickbummtschickbummtschick. Hinter dem Zaun liegt eine Brache. Einst tanzten hier Hunderte jedes Wochenende im Konfetti- und Glitzerregen. In der ehemaligen Bar25. Berta spielt Dirty Doering »bye bye 25«. Mit diesem Track ging die bunte Party im September 2010 zu Ende. Vergangenheit und Gegenwart knallen aufeinander.
Mit jedem Beat flackern Bilder von zappelnden Leibern und maskierten Feiernden auf. Man hört genau hin. Jedes Klappern im Song wird zum Echo des verwehten Ortes.

Danach geht’s weiter Richtung Prenzlauer Berg. Bertas Kompass zeigt mir den Weg. Ab zur Schönhauser Allee. Kein musikalischer, eher ein lärmender Ort: Tram, U-Bahn, Autos. Berta wird wieder wach: Akkordeonmusik, das Rattern der Bahn und Schritte auf dem Bürgersteig. Die Geräu- sche der Umgebung und die aus der Box vermischen und überlagern sich. Dann eine Frauenstimme: »Mich weckt das Lärmen der erwachten Stadt«. Ich höre »Frühling in der Schönhauser« von der Berliner Band Nylon. Urbanes Treiben mit pop- pigem Zuckerguss. Musik, die natürlich nicht nur an diesem Ort funktioniert. Aber doch besser.

Verortete Musik. Berta sensibilisiert unsere Ohren. Wir hören hin.

Berta ist ein Projekt von Jonas Breme und Stephanie Neumann.

Wenn Du Berta treffen möchtest, bewirb dich um ein Rendezvous mit ihr auf: www.bertaberlin.de