In der Kiste

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No4, November-Dezember 2013

Ich bin kein Fan des Herbstes. Rilke und so. Wer jetzt allein ist, hat nichts als bunte Blätter. Nein, danke.

Allerdings gibt es doch ein paar Dinge, die Trost spenden. Zum Beispiel der Apfel. Nachdem der Sommer uns in seinen roten Zuckerfrüchten hat schwelgen lassen, verliert die heimische Obstabteilung nun langsam wieder etwas von ihrer rastlosen Prahlerei. Und eine zuvor kaum bemerkte Lücke wird gefüllt: Endlich gibt es wieder Äpfel. Oder besser: Endlich gibt es sie wieder in frisch; dieses Obst, das nun ganz klimafreundlich regional und ohne glänzende Kunstwachsschicht zu haben ist und uns daran erinnert, wie ein Apfel eigentlich schmecken kann.

Wie ein kleiner, runder Sonnenspeicher erzählt diese bescheidene Frucht bis tief in den Winter hinein vom vergangenen Sommer. Anders als das Sommerobst, welches den Moment zelebriert und die Hitze eines Sommertages auf unseren Zungen zerplatzen lässt, nimmt sich der Apfel seine Zeit. Ein erster Hinweis vielleicht sein Anfang: Blütenwolken überfluten im Frühjahr Gärten und Obstwiesen und ertränken die Luft mit ihrer hemmungslosen Dufterei. Der Inbegriff verschwenderischer Frühjahrsextase. Danach jedoch zieht der Apfel sich über den Sommer hinweg in eine unauffällige Existenz zurück und überlässt anderen Früchten das Feld. Erst im Herbst, wenn diese längst wieder Teil des ewigen Kompostes sind, hat er all die Kraft gesammelt, mit der er uns nun bis in die garstigsten Wintermonate hinein versorgt. Der Apfel, ein effektiver und bedachter Arbeiter.

Richtig sexy ist er nicht und für manche wohl auch etwas altbacken. Bibel. Schneewittchen. Kompott. Ein bisschen wie die Salzkartoffel.

Andere lieben ihn.
Und deswegen gibt es die Apfelgalerie. Denn natürlich ist Apfel nicht gleich Apfel. Schon beim Betreten des kleinen Ladens in Schöneberg lässt die Nase keinen Zweifel daran, worum es hier geht. In zahlreichen Kisten präsentieren sich die verschiedenen Apfelsorten. Hier warten so wundervolle Exemplare wie der "Horneburger Pfannkuchenapfel" oder die "Champagner-Renette" darauf entdeckt zu werden. Unserer durch Normäpfel à la Pink Lady konditionierten Zunge mögen sie geradezu wie eine fremde Frucht erscheinen. Nicht wirklich erstaunlich allerdings, landen doch von den über 1000 heimischen Apfelsorten meist gerade die üblichen fünf in unseren Supermarktauslagen. In der Apfelgalerie hingegen gibt es auch die "Alten Sorten", die zum Teil vom Aussterben bedroht sind und die schon mal an jeder vorgeschriebenen Rundung vorbeiwachsen. Angebaut werden sie im Osten Brandenburgs, wo über 200 Sorten in einer Art Freiluftmuseum kultiviert und gepflegt werden. Die Apfelgalerie ist so etwas wie die städtische Dependance: Hier wird ausgestellt, beraten, man darf probieren und wer statt Pralinen mal etwas anderes verschenken will, der nimmt die Probierkiste: Jedes Exemplar einzeln verpackt wie feinstes Porzellan. Ja, hier wird er wirklich geliebt, der Apfel.

Wenn es im Paradies Jahreszeiten gab, dann kam der Sündenfall sicher im Herbst.

Apfelgalerie

Goltzstraße 3
10781 Berlin-Schöneberg
Montag - Freitag: 11-19 Uhr
Samstag: 11-15 Uhr
www.apfelgalerie.de