Hinter der Mauer

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No4, November-Dezember 2013

Verwunschen. Ein irgendwie altmodisches Wort. Und trotzdem kommt es einem unweigerlich in den Sinn, wenn man einmal hier gelandet ist:

Jahrhunderte alte Bäume, halb verwilderte Wiesen, Überreste barocker Gartenanlagen. Strahlend renovierte Klassizismus-Architektur neben verhuschten Häusern mit vernagelten Fenstern. Es gibt tatsächlich einen leise plätschernden Bach. Moment, wo bin ich gerade?

Eben noch mitten auf der Friedrichstraße, zwischen Menschenströmen sich durchschlängelnd, vorbei am blinkenden Friedrichstadtpalast. Über die Tramschienen und dann scharf links. Sieht aus wie eine kleine Sackgasse. Ein Schlagbaum. Baustelle. Ein Pförtner, ein Schild. Dann das rettende Tor aus schwerem Eisengitter und schwupps, ist man drin: Der alte Humboldt-Campus in Mitte. Wie ausgeblendet, das städtische Gewirr. Grün ist es. Und doch anders als ein Park. Umgeben von hohen Mauern und abwehrenden Gebäudeketten; die hohen Bäume scheinen sogar nach oben einen Schutz vor der einbrechenden Stadt gewähren zu wollen. Wobei: Genau dies ist Stadt. Und kein unwichtiger Teil davon. Einst vor den Toren Berlins gelegen, wurde hier bereits im 18. Jahrhundert die Königliche Tierarzneischule des Preußischen Militärs gegründet. Mit der Zeit hat sich daraus ein dichtes System aus unterschiedlichen Universitätsgebäuden entwickelt. Es gibt Vorlesungssäle, Mikroskopierräume, das ehrwürdige Tieranatomische Theater. Medizinstudenten schlitzen hier ihre erste Leiche auf. Und dennoch wirkt das Ganze geheimnisvoll, wie ein Ort, der nur Eingeweihten vorbehalten ist.

Der paradoxe Grundzug einer jeden Oase findet sich auch hier: Ihr Dasein wird gerade durch das bestimmt, was sie nicht ist und wogegen sie sich abgrenzt. Ihr Zauber besteht in gewisser Weise darin, dass sie der permanenten Gefahr der Entzauberung ausgesetzt ist, der Bedrohung durch ein Außen, welches mit Gewalt einzudringen versucht.

So auch hier: Die Mauern der Oase scheinen zunehmend zu bröckeln. Und das ganz buchstäblich: Das Gelände ist mittlerweile umzingelt von Baustellen. Wie gefräßige Monster rücken die Bagger näher und beginnen an der alten Bausubstanz zu nagen, von der Charité her ächzen die Kräne. Hier klingt es irgendwie als stöhnten Urviecher.

Auf den Lageplänen sind zum Teil noch Gebäude verzeichnet, die sich hinter Bauzäunen in staubende Schuttberge verwandelt haben. Was hier wohl entsteht? Bedrohlich spähen moderne Gitterbalkone schicker Eigentumswohnungen von der Luisenstraße auf das Gelände.

Dennoch - verläuft man sich in einem der zahlreichen, teils düster massiven, teils bescheiden schlichten Unigebäude, kann man noch immer diese Luft des Unentdeckten atmen. Sich in einen der holzvertäfelten Vorlesungssäle setzen, ein bisschen Geschichte unter den Füßen spüren. Überall strömt das rötlich-braune DDR-Linoleum seinen Duft aus, immer wieder durchmischt vom Geruch nach Desinfektionsmitteln, der aus den alten Laboratorien hinüberweht. Man hat sie förmlich vor Augen, die bekittelten Wissenschaftler in ihren Kellern, in denen sie sich seit Jahren über sezierte Frösche beugen.

Die HU vermeldet übrigens auf ihrer Website offiziell, dass es sich beim Campus Nord um eine "Oase" handle. Allerdings eine, auf welcher der neue "Campus Lebenswissenschaften" wachsen soll. Klingt erstmal nach Entzauberung. Allerdings - die das Gelände umsäumende Mauer diente bei ihrer Erbauung keineswegs der Abschirmung nach Außen: Sie sollte eine allzu leichte Flucht desertierender Rekruten verhindern. Auch eine Oase ist letztlich immer eine Frage des Standpunktes.

Campus Nord
Verschiedene Zugänge, zum Beispiel Luisenstraße 56, 
10099 Berlin-Mitte

Aktuelle Ausstellung
HUMANIMAL
im Tieranatomischen Theater
Dienstag bis Samstag: 14 – 18 Uhr
www.kulturtechnik.hu-berlin.de/humanimal