Auf der Straße

Christoph Henkel

erschienen in Shortlist No4, November-Dezember 2013

Blaues Hemd, beige Hose, schwarzgerahmte Designerbrille. Die kurzen Haare sind leicht gegelt. Carsten Voss lächelt. Eine Zahnlücke kommt zum Vorschein. Spur der Vergangenheit. Voss hat über ein halbes Jahr auf der Straße gelebt. Vorher war er Manager in der Modebranche. Dann kam das Burn Out, dann der Bankrott. Plötzlich war die Wohnung weg. So schnell kann's gehen. Verrückt!

Jetzt ist Carsten Voss Stadtführer bei Querstadtein. Ehemals Obdachlose zeigen Berlin. Klingt spannend. Vielleicht ein bisschen voyeuristisch. Muss man sehen. Bahnhof Nollendorfplatz. 25 Leute scharen sich um Voss. Die Tour kommt super an, ist über Wochen ausgebucht. Viele jüngere Menschen. Einige scheinen verdutzt, dass Voss nicht wenigstens noch ein bisschen wie ein Obdachloser aussieht. Der stellt erst mal klar: “Die meisten Obdachlosen laufen auf der Straße, ohne dass ihr sie erkennt.” Oh.

Voss erklärt die Welt der Obdachlosen. Aber es geht hier nicht ums Gaffen, sondern darum zu verstehen. Warum ist also der Nollendorfplatz so beliebt bei Obdachlosen? Es gibt viele Rückzugsorte wie Bänke. Es gibt Spätis. Viel Betrieb auch nachts und damit viele Pfandflaschen. U-Bahnanbindung und einen Supermarkt, der 24 Stunden geöffnet hat: Essen und Trinken kaufen und Pfand wegbringen. Außerdem ist Schöneberg traditionell liberaler.

Wir laufen durch den Kiez von Voss. Es war sein Kiez als er dort wohnte. Und es blieb sein Kiez als er obdachlos wurde.

Viktoria-Luise-Platz. Ein schöner Ort. Insider-Tipp auch unter Berlinern. In der Mitte ein großer Springbrunnen. Drumherum viel Wiese. Auf der Sonnenseite sitzen Menschen und lesen. Im Schatten: Die Obdachlosen. “Ob ihr’s glaubt oder nicht: Auch Obdachlose mögen schöne Plätze.”, so Voss. Er hat hier oft geschlafen. Tagsüber ein paar Stunden. Nachts hat er sich nicht getraut zu schlafen. Hat lieber in Cafés gesessen und Tee getrunken bis zum Morgen.

Ob von schönen Plätzen oder zugigen Bahnhöfen: Die Stadt will sie weg haben. “Akkomodation des öffentlichen Raumes” heißt es im Bürokratensprech. Bedeutet: Die Mülleimer bekommen kleine Deckel. So ist es für die Obdachlosen schwieriger nach Flaschen zu fischen. (Deswegen: Pfandflaschen neben den Mülleimer stellen.) Neue Bänke werden mit Einzel- oder Doppelplätzen aufgestellt. Ungemütlich bis unmöglich sich da quer raufzulegen. Denkt man ja sonst nicht drüber nach.

Obdachlose sind den ganzen Tag im öffentlichen Raum: Menschen gucken, Kinder zeigen, Touristen starren. Das Schlimmste in seiner Zeit als Obdachloser war für Voss aber nicht, dass ihn die Leute dumm angeguckt haben. Das Schlimmste war, dass sie ihn gar nicht mehr angeguckt haben.

Obdachlose bräuchten kein Mitleid, aber sie sollten ihre Würde behalten können. Und da reicht manchmal schon der richtige Blick. Bestenfalls: Ein Lächeln.

Querstadtein macht Obdachlose sichtbar, ohne sie vorzuführen. Die Tour zeigt die komplexen Strukturen und Individuen – und zerschmettert gänzlich moralinfrei eingerostete Klischees.

Führungen durch Schöneberg und Mitte über querstadtein.org (9,40 €, ermäßigt 5,40 €)