Bleiben

Manuel Wischnewski

erschienen in Shortlist No1, Oktober-Dezember 2012

Berlin wird alt in diesen Tagen. 775 Jahre. Und eine kleine Seltsamkeit mag man in diesem Zusammenhang schon feststellen: Obwohl Berlin immer wieder als Stadt beschrieben und verstanden wird, die in ganz besonderem Maße von der Atmosphäre ihrer Geschichte lebt, so ist damit doch nie die tiefe Vergangenheit des Mittelalters gemeint. Die Stadt ignoriert ihr Alter. Eiskalt. Natürlich – die Spuren dieser Zeit sind rar. Und noch in den 1970er Jahren entledigte sich die Stadt des Fischerviertels, jener letzten, düster-winkligen Häuserzeilen, in denen das mittelalterliche Berlin fast unberührt die Zeit überdauert hatte. Geblieben sind wenige Fragmente – Geschichte so zerstreut, dass sie kaum ein Gefühl mehr vermitteln kann von ihrer eigenen Kraft, von der knallig-leuchtenden Wucht eines dreiviertel Jahrtausends.

Warum aber haben wir diese wenigen gebliebenen Orte nie als eine Mitte der Stadt begriffen? Als etwas Besonderes? Die Geschichte fasziniert uns hier oft nur in Form einer edel ruinösen Karl-Marx-Allee. In solchen Zeichen des Verfalls begreift Berlin immer auch die vagen Spuren eines Neuanfangs und somit letztlich die Chance, die Geschichte der ewig jungen Stadt Berlin weiterzuschreiben und neu zu erfinden.

Was ist aber mit dem alten Berlin? Seine Orte und ihre Ruhe sind zu Unrecht vergessen. Gerade in einer Stadt, die sich im ständigen Aufbruch befindet, brauche ich Dinge, die mich die Stadt auch als einen Ort der Beharrlichkeit begreifen lassen. Denn die Idee ständiger Veränderlichkeit trägt in sich immer auch eine Spur von Zerrissenheit: In den vielen Geschichten des Neuanfangs liegt immer auch eine kleine Leere. Und in der ständigen Suche nach dem Neuen deutet sich eine Beliebigkeit an. Und eine Getriebenheit.

Es steckt also etwas Tröstliches darin, Orte zu finden, an denen etwas bleibt. Orte, vor deren weiten Horizonten die ein, zwei kläglichen Jahre eines Trendzyklusses verblassen. Wir brauchen keinen Wiederaufbauwahn. Aber ein wenig mehr Ruhe. Auch um das Tempo dieser Stadt wieder zu spüren.

775 Jahre Berlin sind in dieser Stadt kein Anlass dazu, nostalgisch den Blick zurückzuwerfen. Aber dieses Datum bietet uns die Möglichkeit, die heutige Stadt neu zu begreifen. Als einen Ort, an dem Werden, Verschwinden und Bleiben nebeneinander existieren. Die 775 Jahre sind unsere Versicherung. Wir sind versichert: Wir können also auch bleiben.

IMMER NOCH DA
Der Berliner Totentanz, das älteste literarische Zeugnis Berlins. Ein Wandbild, das uns an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern soll. Vergänglich ist auch das Bild selbst, es ist fast verblasst und wird seit Jahren von dicken Glasscheiben vor dem Licht geschützt. St.Marienkirche, Karl-Liebknecht-Straße 8, 10178 Berlin. Mo–So: 10–18 Uhr. Führungen zum Berliner Totentanz jeden Dienstag um 14 Uhr.

Heilig-Geist-Spital, eines der drei Spitäler des mittelalterlichen Berlins. Vom Krieg und allem anderen verschont geblieben. 2005 restauriert. Ein paar Quadratmeter Mittelalter. Spandauer Strasse 1, 10178 Berlin. Besichtigungen jeden Donnerstag, von 12–13 Uhr.

Die Nikolaikirche. Sie ist das älteste Gebäude Berlins. Heute ein Museum. Jahrhundertelang eines der Zentren einer dicht-gewachsenen Stadt, ragte sie nach dem 2. Weltkrieg plötzlich aus einer weiten Brache hervor. Heute umgibt sie das in den 80ern Jahren wiedererrichtete Nikolaiviertel. Mitten im Mittelalterkitsch wirkt sie nicht mehr so allein. Nikolaikirchplatz, 10178 Berlin. Mo–So: 10–18 Uhr.

Alle Veranstaltungen zu 775 Jahre Berlin auf www.BERLIN.de/775