Gossip

Manuel Wischnewski

erschienen in Shortlist No1, Oktober-Dezember 2012

Folgendermaßen resümiert Despina Stokou 2011 in ihrem Blog Bigs Gedanken zum Auftakt der Herbstsaison im Berliner Kunstbetrieb:

»It’s funny we spend one hour running around like crazy trying to see as much as possible before they close, then spend five solid hours standing in the bar talking about something else be- cause we missed everything. / Well nobody forces you to spent five hours rubbing elbows with that gallerist, what did you expect would happen – he chokes, falls down, you save his life – he gives you a show? / I enjoy proximity to men of power, plus drinks are for free and ...you never know ...He might look into your eyes ...fall in love ...and then offer you a show/
I ll tell you the most probable thing that will happen, he looks into my eyes, smiles, then leans over and tells me to go piss on him in the toilet.«

Selten war eine simple Offenheit so befreiend. Befreiend von was? Um das zu begreifen, muss man sich die Kunstwelt genauer ansehen. Die Kunstwelt. Schon in dieser Beschreibung versteckt sich ein Hinweis. Die Kunstwelt. Eine ganze Welt für sich. Bedeutung hängt schwer in der Luft.

Nun ist nichts Verwerfliches daran, die eigene Sache ernst zu nehmen. Aber man muss sich nicht selbst überhöhen, um die Kunst, die man vertritt oder bespricht oder macht, angemessen zu würdigen. Woher kommt das also, frage ich mich?

THEATER, THEATER!

In der rastlosen Suche nach der Aura der Bedeutsamkeit muss manchmal nachgeholfen werden. Denn da, wo sich Bedeutsamkeit nicht von selbst einstellen will, muss sie eben herbeibehauptet werden. Und gespielt werden – als ein Theater der Wichtigkeiten. Das soll dann abfärben aufs Werk. Bedeutung verleihen. Nur leider meint Distinktion nicht nur zufällig sowohl Hervorhebung als auch Abgrenzung. Und so schottet sich die Kunstwelt ab durch die Inszenierung der eigenen Bedeutsamkeit. Sich und ihre Werke.

Mitten in dieses Spektakel platzt im Juni 2010 Bigs. Ein Blog und Kunstführer – irgendwo zwischen Spiegel, In Touch und Texte zur Kunst. Und irgendwie auch ein kleiner Ausnahmefall. Nur Bigs dokumentiert die schwer ehrwürdige Venedig-Biennale in Form eines rastlosen SMS-Austausches über Partys und Sternchen: »In guggenheim but not at lunch / Come to Austria – tiny Wiener, cold beer / Would stay in dry land if I were u / Free food and drink but posh and lame / Das good? / Where the Fuck is James Franco? / Bauer-NOW! « Nirgendwo entlarvt sich die große Inszenierung süffisanter und effektiver als hier. Denn Frechheit, Indiskretion und Gossip wirken immer auch als ein Akt der Entzauberung. Und dies dient nicht zuletzt der Kunst.

Politisch ist das auf jeden Fall. Aber das nur am Rand. Viel wichtiger ist es da, wo es den magischen Moment zwischen mir und dem Werk betrifft. Es ist heilsam zu wissen, dass ich dem Zirkus nicht glauben muss, dass ich die Distanz und ihre Symbole nicht respektieren muss. Weil sie nicht wahr sind. Der unnötige Respekt von den Dingen trennt uns und macht uns unsicher. Nichts aber brauche ich mehr, wenn ich einem Kunstwerk gegenübertrete als Vertrauen in meine eigenen Fragen, meine Zweifel und meine Begeisterung.

Der gedruckte Guide erscheint sechs mal im Jahr. Blogposts vom BIGS-Team erscheinen in unregelmäßigen Abständen
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