The Wand

Manuel Wischnewski

erschienen in Shortlist No2, Februar-April 2013

Das hier ist alles ganz weit weg. Die Ausläufer des Kanzleramts sind zwar nur fünf Minuten entfernt und doch ist alles entschieden mehr Moabit als Mitte. The Wand, ein Projektraum auf halber Etage.

Klingeln. In die Toreinfahrt hinein. Links die steinerne Treppe hoch und an der Balustrade vorbei. Noch eine Treppe und durch die unscheinbare Türe hindurch. Die kleine steile Stiege hinab und plötzlich steht man in diesem fantastisch winzigen Raum. Ein halbrundes Fenster begrenzt am anderen Ende diesen halbhohen Raum.
Ein kleines Refugium. Mit Toilette auf dem Hof. Ohne Licht. Natürlich.

Was das früher mal war, möchte ich wissen. Ein Hostel. Aber ja wohl kaum im 19. Jahrhundert. Schwer zu sagen also, auf welchem Boden wir da eigentlich stehen; an welchen Wänden dort die Kunst der jungen Berliner Szene hängt. Nun hatten Berliner Altbauten die Besonderheit, dass hier wie kaum irgendwo sonst Arm und Reich zusammenlebte. Und so war The Wand vor hundert Jahren wohl die Wohnung eines Hauswartes, vielleicht eines Zimmermädchens. Der erste Raum eine kleine Küche, dahinter das Schlafzimmer. Hier die Stelle, wo der Herd stand. Dort vielleicht das kleine Bett.

Ein heimlicher Beweis, dass Berlin noch nicht zu Ende entdeckt ist. Hier ist nichts beschlossen oder fertig. Melissa Steckbauer, eine in Berlin ansässige Künstlerin, betreibt nun diesen Raum und die dazugehörige Plakatwand am Haus. (Ganz richtig: daher The Wand.) Steckbauer lädt
Kuratoren ein und lässt ihnen freien Raum. Der Boden ganz alt und an den Wänden alles ganz ganz jetzt. Ein Berliner Projektraum in Hochform. So wie man das will. Mit eigener Linie und spürbar eigenem Geist. An den Wänden finden die Etablierten und jungen Wilden zusammen. Berliner Schwergewichte wie Antje Majewski neben Neuentdeckungen wie Dominic Wood. Zwischendurch ein Malwettbewerb mit Berliner Schulen. Ein ganz eigener Ansatz. Wärmer, näher dran, offen. Obwohl man klingeln muss, wenn man rein möchte.

Ja, natürlich ist das auch das Berlin, wie man es kennt. Neuer Raum, neues Glück, neuer Hype. Aber dann auch wieder nicht. Alles ganz klein und nah beieinander. Intim. Fast geborgen fühlt man sich da so zwischen den Geschossen und hinter der kleinen Türe im Halbversteck von The Wand. Wer hier zusammenkommt, der stolpert nicht mal eben in die nächste Bar oder »schaut vorbei«. Hier ist man erstmal da.

The Wand
Paulstr. 34
10557 Berlin Alt-Moabit
Öffnungszeiten: nur mit Anmeldung
www.thewand.weebly.com