ODEON

Valerie Senden

erschienen in Shortlist No2, Februar-April 2013

Ein Schild, ein Film. Ein Kino. Ein Kino?

Bescheiden und unauffällig liegt es da. Zurück- gezogen auf einem dieser typischen Berliner Ruinengrundstücke erhebt sich der schlichte Flachbau im Stil der 50er Jahre. Fast eingeklemmt zwischen den umliegenden türkischen Super- märkten, Schöneberger Wohnhäusern, Dönerbu- den. Obwohl nicht klein und von außen eigentlich gut zu erkennen, wirkt es wie ein Kino, das nur für Eingeweihte wirklich sichtbar ist. Zieht es sich zurück vor dem nie verstummenden Stadtlärm der vierspurigen Hauptstraße, an der es liegt? Oder ruft es uns nicht vielmehr zu sich mit seiner altmodischen Kino-Leuchttafel, die in klassischer Tradition nicht nur den aktuellen Film, sondern auch dessen Regisseur anpreist?

Das Odeon ist ein Programmkino, in dem Filme erstmals im englischen Original für das normale Publikum zugänglich gemacht wurden – zuvor war dies nur in den Alliierten-Kinos Angehörigen des Militärs möglich. Heute gibt es mehrere Original- sprachenkinos in Berlin und dennoch ist das Odeon etwas besonderes in der hiesigen Kino-Landschaft. Ihm fehlt das schwere intellektuelle Flair des Kreuzberger Babylons. Es ist nicht so verhuscht gemütlich wie das Central am Hackeschen Markt. Und es strahlt auch nicht im Glanz vergangener Zeiten wie das International oder einst der Zoo Palast. Die Welt der blinkenden Multiplexe ist hier sowieso ganz weit weg.
Das Odeon ist für mich ein Ort, in dem das Kino zu seinem Ursprung zurück findet. Ein Saal, ein Film, eine große Leinwand. Allein das Konzept: Lediglich ein Film läuft hier. Betritt man das schlichte Foyer, vorbei am meist unbesetzten Kassenhäuschen, umfängt einen unmittelbar dieser Duft aus Popcorn und eingeatmeter Luft, sanft untermalt vom Geruch geschrubbten Linoleums. Hier wirkt alles ein wenig wie stehen geblieben, als ob man, schon bevor man in den Film eintaucht, in eine andere Welt getreten wäre. Unprätentiös zwar einerseits und dennoch voll von Versprechen. Ist nicht schon dieser kleine Moment an der Kasse der erste Akt eines magi- schen Handels? Wenn der kleine Fetzen Papier über den Tresen wandert und uns somit Zutritt zu jenem Raum verschafft, in dem gleich die große Vorführung beginnt: Der Saal mit seinem Samt- vorhang und den leicht verschlissenen, rot gepol- sterten Sesselreihen. Ein Ort des Eintauchens in die riesige Leinwand, des sich Mitreißen-lassens. Unzählige Geschichten, die hier schon erzählt wurden. Ein Ort voller Schicksale. Ein Ort, an dem die ursprüngliche Begeisterung, die magische Ausstrahlung dieses Mediums tagtäglich erlebt werden kann.

Odeon
Hauptstraße 116
10827 Berlin-Schöneberg
www.yorck.de